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Schulreform; ein Interview

Fragen an eine Lehrperson, vom Rigi Anzeiger

Bildung und Reform

Sie sind Lehrperson, in welchen Bereichen der Bildungspolitik stellen Sie eine desolate Zustandssituation in der Schulentwicklung fest?

Es wird ein Generalverdacht auf unqualifiziertes Lehrerverhalten im Unterricht erhoben.
Deshalb werden immer mehr Qualitätsanforderungs-Programme inszeniert. Immer
mehr Evaluationen versuchen die Lehr- und Methodenfreiheit von Lehrpersonen mit
unsinnigen Qualitäts-Leistungs-Indikatoren zu messen und in Zahlenwerten
auszudrücken.

 

Evaluationen von Schulen dienen der Qualitätssicherung und -entwicklung. Sie sollen
eine neutrale Aussensicht bringen sowie Impulse und Empfehlungen für die Weiter-
entwicklung der Schulen. Sind Sie grundsätzlich gegen diese Evaluationen?

Ja, ich bin absolut gegen diesen Qualitäts-Mess-Unsinn. Man muss akzeptieren,
dass man die Qualität im Bildungswesen nicht messen kann. Auch wenn man noch
so viele Indikatoren zur Qualitätsmessung bereitstellt. Beispielsweise hat der Ge-
samtevaluationsbericht an die Gemeinde Ebikon rund 300 Indikatoren zur Qualitäts-
messung. Ein solches Vorgehen ist eine anmassende Besserwisserei von irgend-
welchen selbsternannten Experten und Beratern. Wir haben hier ein grosses Demo-
kratiedefizit. Deshalb die Alternative: Bildungspolitik muss von Lehrpersonen in Zus-
ammenarbeit mit den Eltern gemacht werden, wie die Gesundheitspolitik von Ärzten
in Absprache mit den Patienten gemacht werden muss. Ausdrücklich von diesen
Personen – und auch nicht von deren Verbänden oder irgendwelchen Controlling-
Instanzen!


Sie reden von benachteiligten Gemeinden...

Alle Gemeinden werden durch die kantonal verursachte zentralistische Zwangsbe-
glückung mit Schulentwicklung zu «Entwicklungsregionen » degradiert, die der Ent-
wicklungshilfe bedürfen. Alle Gemeinden müssen sich, ohne Rücksicht auf die lokalen
Gegebenheiten und Unterschiede, auf «Teufel komm raus» gleich entwickeln. Diese
Entwicklungsprogramme der Bildungspolitik sind aber Kunstprodukte ohne Markt-
nachfrage; es gibt in der Bildungspolitik kein Zusammenspiel von Angebot und Nach-
frage, wie in der realen Marktwirtschaft. Deshalb werden immer mehr unsinnige päda-
gogische Kunstprodukte erfunden, die niemand braucht. Aber die Gemeinden müssen
mit einem Höchstmass an finanziellem Aufwand diese nicht verlangten Produkte um-
setzen. Das nenne ich «Zwangsbeglückung». Die Mitglieder der Bildungskommis-
sionen sind die Moderatoren dieser unsinnigen Bildungsprodukte. Die Dienststelle
Volksschulbildung (früher Erziehungsdepartement) hebt ab in die Sphären einer Paral-
lelgesellschaft ohne jeglichen Bezug zur schulischen Realität.

 

Wie und wo zeigt sich konkret, dass die Dienststelle Volksschulbildung den Bezug
zur schulischen Realität verloren hat?

Die Bildungsbürokratie setzt sich in ihren Reformbemühungen über die Tatsache hin-
weg, dass die Anteile der intelligenten, der durchschnittlich intelligenten und weniger
intelligenten Schüler generell gleich bleiben. Intelligenz ist reformresistent. Warum ist
das so? Das erfahren wir aus der Hirnforschung. Diese belegt, dass die Intelligenz
einer Persönlichkeit dasjenige ist, das sich am wenigsten verändern lässt. Das wollen
die Reformerfinder einfach nicht wahrhaben. Es entsteht dann diese ideologische Ge-
rechtigkeitsrhetorik der «Chancengleichheit». Da sich die Intelligenz als reformresis-
tent erweist, wird das Bildungsniveau herabgesetzt, damit alle ihre bürokratisch ver-
sprochene Chance bekommen. Die Dienststelle Volksschulbildung unterstützt dieses
unsinnige Treiben, indem sie immer neue Reformmassnahmen auf den Markt wirft,
welche vorgeben, dass wir uns dem Idealziel der Chancengleichheit annähern. In Tat
und Wahrheit sinkt aber bei dieser Fokussierung unmerklich das Bildungsniveau. Das
ist der Realitätsverlust, den ich hier unterstelle. Im kantonalen Qualitätsbericht der
Gemeindeschule Ebikon kommt beispielsweise 70-mal das Wortfeld «integrative För-
derung» vor. Das Wort «Bildung» kommt in diesem Qualitätsbericht ganze zweimal

vor, und zwar nur im Ausdruck «Bildungskommission».


Welche Grundmängel sehen Sie an der Schnittstelle Schule-Lehrbeginn?

a) Es ist klar, dass eine Bildungspolitik,die sich nur mit qualitativem Vergleichs-
Wettbewerb und immer neuen Reform-Produkten befasst, die regionalen Anliegen
vernachlässigt. Es gibt bildungspolitische Bestrebungen in der Schweiz, die wollen
die Eintrittszahlen in die Gymnasien von momentan 20 % auf 70 % erhöhen. Es ist
klar, dass bei diesem Vorhaben die regionale Berufslehre diskriminiert wird und den
Betrieben die Auszubildenden fehlen, wenn plötzlich 7 von 10 Leuten für eine Univer-
sitätsausbildung vorgesehen werden.
b) Zudem fehlen noch immer klare Zeugnis-Vergleichsmöglichkeiten. Durch die inte-
grative Förderung ist es unmöglich, lesbare Zeugnisse auszustellen. Der Spagat vom
schwächsten zum leistungsstärksten Schüler ist zu gross; deshalb frisieren die Lehr-
personen ihre Zeugnisse auf eine «unauffällige» Klassendurchschnittsnorm, was die-
se dann unlesbar macht.
c) Ein ganz grosses Bildungsdelikt ist zudem, dass Informatik als Pflichtfach in den
Lehrplänen fehlt.

Sie sagen, dass die Lehrpersonen Zeugnisse auf eine «unauffällige» Klassendurch-
schnittsnorm frisierten. Das heisst konkret?

Ich stelle hier die Behauptung auf, dass Lehrpersonen bei dem breiten Leistungs-
spagat der Schüler/Innen innerhalb einer Klasse dazu genötigt sind. Lehrpersonen,
die dauernd zu schlechte oder zu gute Noten geben, machen sich verdächtig. Also
sollte der Klassendurchschnitt so bei einer 4.6 liegen. Zählte man die Durchschnitts-
noten aller Gemeinden zusammen, so ergäbe sich wieder dieser Mittelwert. Bei
genauerem Hinsehen würde man aber auch feststellen, dass ein Schnitt von 4.6 in
der Gemeinde A anders zustande kommt als in der Gemeinde B. Und genau diese
an sich leere Aussagekraft der Noten bezüglich Selektion stört die Anbieter von
Lehrstellen. Informatik ist kein eigentliches Fach in der Volksschule, aber für den
ICT-Unterricht gibt es einen Lehrplan, der im Spiralprinzip aufgebaut ist und für die
verschiedenen Schuljahre verbindliche Ziele festschreibt. Das ist richtig, dass es
diesen Lehrplan gibt. Aber das ist nicht genug. Man sieht es daran, dass in der
Schweiz rund 30 000 Informatiker/Innen fehlen. Informatik muss auf der Oberstufe
Pflichtfach werden.


 

 

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